Tagung « Der Surrealismus in Deutschland? »
Literarischer Surrealismus wird kanonisch ebenso als französische
Strömung der Moderne betrachtet wie der bildkünstlerische Surrealismus. Einzelne deutsche Vertreter wie etwa Max Ernst subsumiert man klassisch als Teil der surrealistischen Gruppe um Breton. Dabei sind synchrone und auch diachrone eigenständige und von der Pariser Surrealistengruppe unabhängige literarische Erscheinungen bisher nur wenig beachtet worden. Während in die internationale Surrealismus-Forschung zunehmend Diskussionen um den lateinamerikanischen und tschechischen Surrealismus eingebunden werden, bleibt der deutsche Surrealismus ein Forschungsdesiderat.
Lediglich ein Forschungsband (Surrealismus in der deutschsprachigen Literatur. Walter de Gruyter, 2009) widmet sich einer ersten surrealistischen Spurensuche in deutscher Literatur, versäumt es aber dabei, die Ergebnisse der einzelnen Beiträge zu systematisieren und auszuwerten. Autoren wie z.B. Paul Celan oder Carl Einstein, der zwischen 1929 und 1931 zusammen mit George Bataille in Paris die surrealistische Zeitschrift Documents publizierte, bleiben hier ebenso ungenannt wie die Surrealistischen Publikationen (1950) oder die META (1948-1953), obschon es sich bei beiden um maßgebliche wie richtungsweisende Zeitschriften für die Bewegung des literarischen Surrealismus im Nachkriegsdeutschland handelte, in denen unter anderem auch Gedichte Paul Celans veröffentlicht wurden: « Die allerersten Celan-Gedichte, die in Deutschland gedruckt wurden, erschienen in Götz’ META (‘Schlaf und Speise’ sowie ‘Ins Nebelhorn’. In: META 8 vom April 1952). » (Döring, Jörg: « Rückkehr nach Frankfurt »: Literarisches Leben in der Nachkriegszeit – K.O. Götz’ META und die Hoffnung auf eine deutsche surrealistische Poesie. In: Entfesselte Form: Fünfzig Jahre Frankfurter Quadriga. Frankfurt am Main, 2002. S. 49) Döring bemerkt schon 2002 die Vernachlässigung der META durch die germanistische Forschung, welche die META fälschlicherweise „nicht […] als gleichsam interdisziplinäres Experiment [betrachtet], das in Bezug auf die avantgardistische Poesie ähnlich ambitionierte Ziele verfolgte wie für die Malerei.“ (ebd.) Auch über einen spezifischen Berliner Nachkriegssurrealismus verhandelten bisher lediglich einzelne kunstgeschichtliche Publikationen. Dabei waren es nicht zuletzt Berliner Autoren und Künstler der Nachkriegszeit, die einerseits mittels Übersetzung aus dem französischen Surrealismus und andererseits mit eigenen literarischen und künstlerischen Entwürfen versuchten, die surrealistische Praxis in Deutschland zu etablieren.
Die Tagung setzt es sich daher zum Ziel, syn- wie diachrone surrealistische Einschläge in deutschsprachiger Literatur und der deutschen künstlerischen Avantgarde der Moderne nachzuzeichnen. Dazu bemüht sich die Tagung, den popularisierten Begriff „Surrealismus“ einer systematischen Definition zuzuführen, nicht nur, um die genuin surrealistischen Bestrebungen in deutscher Literatur als solche ausweisen zu können, sondern auch, um einen eingehenden Blick auf die Genese des Surrealismus in Bezug auf literarische Verfahren werfen zu können und damit z.B. die Bedeutung der deutschen Romantik für den französischen Surrealismus herausstellen zu können, sowie frühsurrealistische Poetiken in deutscher Literatur zu isolieren und
diese als richtungsweisend kennzeichnen zu können. Damit versucht die Tagung, das Phänomen des literarischen Surrealismus in deutscher Literatur nicht nur grundlegend einzufangen, sondern es so weit zu systematisieren und zu kategorisieren, dass eine Aufbereitung für die Anschlussforschung – besonders im philologischen Forschungsbereich – erfolgt. Eine Veröffentlichung der Tagungsberichte in einem Sammelband wird daher angestrebt. Die Tagung wird in 3 Sektionen an jeweils einem Tag den surrealistischen Einschlägen in deutscher Literatur nachspüren, die im Folgenden kurz aufgeführt und um mögliche Themenkomplexe für einen Tagungsbeitrag ergänzt sind.
Sektionen / Mögliche Fragestellungen für Tagungsbeiträge:
1. Tag: Was ist Surrealismus? – Literarische und bildkünstlerische
Verfahren:
Warum Surrealismus? In welchem kulturellen Spannungsfeld entwickelt sich der klassische französische Surrealismus? Welche literarischen und/oder bildkünstlerischen Verfahren lassen sich als surrealistisch ausweisen? Welche Künstler prägten und nutzten diese? Zählen auch deutsche Autoren und Maler dazu? Welche Ästhetiken und Poetiken prägen den Surrealismus als Geisteshaltung und/oder Kunstform? Surrealismus heute? Inwiefern werden Versatzstücke des Surrealismus in den heutigen Medien verwandt? Surrealismus in der gegenwärtigen deutschen Literaturlandschaft?
2. Tag: Surrealismus in deutscher Literatur: Genese und Formierung:
Welche Vorläufer surrealistischer Praktiken wie der écriture automatique lassen sich in Deutschland beobachten? Gibt es eigenständige Traditionen? Welcher surrealistischer Praktiken und/oder
Theorien bedienen sich deutschsprachige Autoren? Lassen sich neben dem klassischen französischen Surrealismus nach Breton von diesem unabhängige surrealistische Aktivitäten weiterer Literaten und/oder Künstler ausmachen? Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang z.B. Carl Einsteins und/oder Yvan Golls surrealistische Publikationen Documents (1929-1931) und/oder Surréalisme (1924)? Das romantische Erbe des Surrealismus – Welche Analogien lassen sich zwischen der deutschen und/oder französischen (Schwarz)Romantik und dem Surrealismus ausmachen?
3. Tag: Nachkriegssurrealismus in Deutschland:
Auf welche Weise wird der klassische französische Surrealismus der Vorkriegszeit weiterentwickelt? Welche künstlerischen Strategien werden zu welchem Zweck aus dem Surrealismus übernommen? Gibt es eine direkte Beteiligung an der zeitgenössischen internationalen Surrealismusdebatte? Wo und wie wird möglicherweise an Konzepte angeschlossen, die selbst bereits den Surrealismus weiterentwickelt haben? Wann und wie kommt es zum literarischen, künstlerischen und/oder persönlichen Austausch mit surrealistischen Autoren und Künstlern aus anderen Ländern? Inwiefern dient der Surrealismus zur Verarbeitung oder aber Verdrängung der Kriegs- und
Nachkriegswirklichkeit? Wie reagiert die Öffentlichkeit in der Nachkriegszeit auf surrealistische Bestrebungen? Inwieweit lässt sich im Intermedialen des Surrealismus ein wichtiger Anknüpfungspunkt für deutsche Autoren finden?: Autoren, die an den künstlerischen Surrealismus anschließen, Künstler die sich mit surrealistischer Literatur beschäftigen, „Interart“-Phänomene und Experimente im Allgemeinen?
Die Tagung findet in Kooperation mit dem Kunstmuseum Pablo Picasso Münster in der Zeit von Mo, 03.03.2014 – Mi, 05.03.2014 im Konferenzraum des Museums statt.
Für die Übersendung Ihrer Abstracts (max. 2500 Zeichen) nebst kurzem Curriculum Vitae (bis zum 31.10.13, bitte an beide Mailadressen) und für alle Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Organisatorinnen der Tagung: Isabel Fischer, Philipps-Universität Marburg: isabel.fischer@ymail.com
Karina Schuller, Westfälische Wilhelms-Universität Münster:
Tagung "Der Surrealismus in Deutschland?" Literarischer Surrealismus wird kanonisch ebenso als französische Strömung der Moderne betrachtet wie der bildkünstlerische Surrealismus. Einzelne deutsche Vertreter wie etwa Max Ernst subsumiert man klassisch als Teil der surrealistischen Gruppe um Breton. Dabei sind synchrone und auch diachrone eigenständige und von der Pariser Surrealistengruppe unabhängige literarische Erscheinungen bisher nur wenig beachtet worden. Während in die internationale Surrealismus-Forschung zunehmend Diskussionen um den lateinamerikanischen und tschechischen Surrealismus eingebunden werden, bleibt der deutsche Surrealismus ein Forschungsdesiderat. Lediglich ein Forschungsband (Surrealismus in der deutschsprachigen Literatur. Walter de Gruyter, 2009) widmet sich einer ersten surrealistischen Spurensuche in deutscher Literatur, versäumt es aber dabei, die Ergebnisse der einzelnen Beiträge zu systematisieren und auszuwerten. Autoren wie z.B. Paul Celan oder Carl Einstein, der zwischen 1929 und 1931 zusammen mit George Bataille in Paris die surrealistische Zeitschrift Documents publizierte, bleiben hier ebenso ungenannt wie die Surrealistischen Publikationen (1950) oder die META (1948-1953), obschon es sich bei beiden um maßgebliche wie richtungsweisende Zeitschriften für die Bewegung des literarischen Surrealismus im Nachkriegsdeutschland handelte, in denen unter anderem auch Gedichte Paul Celans veröffentlicht wurden: "Die allerersten Celan-Gedichte, die in Deutschland gedruckt wurden, erschienen in Götz' META ('Schlaf und Speise' sowie 'Ins Nebelhorn'. In: META 8 vom April 1952)." (Döring, Jörg: "Rückkehr nach Frankfurt": Literarisches Leben in der Nachkriegszeit – K.O. Götz' META und die Hoffnung auf eine deutsche surrealistische Poesie. In: Entfesselte Form: Fünfzig Jahre Frankfurter Quadriga. Frankfurt am Main, 2002. S. 49) Döring bemerkt schon 2002 die Vernachlässigung der META durch die germanistische Forschung, welche die META fälschlicherweise „nicht […] als gleichsam interdisziplinäres Experiment [betrachtet], das in Bezug auf die avantgardistische Poesie ähnlich ambitionierte Ziele verfolgte wie für die Malerei.“ (ebd.) Auch über einen spezifischen Berliner Nachkriegssurrealismus verhandelten bisher lediglich einzelne kunstgeschichtliche Publikationen. Dabei waren es nicht zuletzt Berliner Autoren und Künstler der Nachkriegszeit, die einerseits mittels Übersetzung aus dem französischen Surrealismus und andererseits mit eigenen literarischen und künstlerischen Entwürfen versuchten, die surrealistische Praxis in Deutschland zu etablieren. Die Tagung setzt es sich daher zum Ziel, syn- wie diachrone surrealistische Einschläge in deutschsprachiger Literatur und der deutschen künstlerischen Avantgarde der Moderne nachzuzeichnen. Dazu bemüht sich die Tagung, den popularisierten Begriff „Surrealismus“ einer systematischen Definition zuzuführen, nicht nur, um die genuin surrealistischen Bestrebungen in deutscher Literatur als solche ausweisen zu können, sondern auch, um einen eingehenden Blick auf die Genese des Surrealismus in Bezug auf literarische Verfahren werfen zu können und damit z.B. die Bedeutung der deutschen Romantik für den französischen Surrealismus herausstellen zu können, sowie frühsurrealistische Poetiken in deutscher Literatur zu isolieren und diese als richtungsweisend kennzeichnen zu können. Damit versucht die Tagung, das Phänomen des literarischen Surrealismus in deutscher Literatur nicht nur grundlegend einzufangen, sondern es so weit zu systematisieren und zu kategorisieren, dass eine Aufbereitung für die Anschlussforschung – besonders im philologischen Forschungsbereich – erfolgt. Eine Veröffentlichung der Tagungsberichte in einem Sammelband wird daher angestrebt. Die Tagung wird in 3 Sektionen an jeweils einem Tag den surrealistischen Einschlägen in deutscher Literatur nachspüren, die im Folgenden kurz aufgeführt und um mögliche Themenkomplexe für einen Tagungsbeitrag ergänzt sind. Sektionen / Mögliche Fragestellungen für Tagungsbeiträge: 1. Tag: Was ist Surrealismus? – Literarische und bildkünstlerische Verfahren: Warum Surrealismus? In welchem kulturellen Spannungsfeld entwickelt sich der klassische französische Surrealismus? Welche literarischen und/oder bildkünstlerischen Verfahren lassen sich als surrealistisch ausweisen? Welche Künstler prägten und nutzten diese? Zählen auch deutsche Autoren und Maler dazu? Welche Ästhetiken und Poetiken prägen den Surrealismus als Geisteshaltung und/oder Kunstform? Surrealismus heute? Inwiefern werden Versatzstücke des Surrealismus in den heutigen Medien verwandt? Surrealismus in der gegenwärtigen deutschen Literaturlandschaft? 2. Tag: Surrealismus in deutscher Literatur: Genese und Formierung: Welche Vorläufer surrealistischer Praktiken wie der écriture automatique lassen sich in Deutschland beobachten? Gibt es eigenständige Traditionen? Welcher surrealistischer Praktiken und/oder Theorien bedienen sich deutschsprachige Autoren? Lassen sich neben dem klassischen französischen Surrealismus nach Breton von diesem unabhängige surrealistische Aktivitäten weiterer Literaten und/oder Künstler ausmachen? Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang z.B. Carl Einsteins und/oder Yvan Golls surrealistische Publikationen Documents (1929-1931) und/oder Surréalisme (1924)? Das romantische Erbe des Surrealismus – Welche Analogien lassen sich zwischen der deutschen und/oder französischen (Schwarz)Romantik und dem Surrealismus ausmachen? 3. Tag: Nachkriegssurrealismus in Deutschland: Auf welche Weise wird der klassische französische Surrealismus der Vorkriegszeit weiterentwickelt? Welche künstlerischen Strategien werden zu welchem Zweck aus dem Surrealismus übernommen? Gibt es eine direkte Beteiligung an der zeitgenössischen internationalen Surrealismusdebatte? Wo und wie wird möglicherweise an Konzepte angeschlossen, die selbst bereits den Surrealismus weiterentwickelt haben? Wann und wie kommt es zum literarischen, künstlerischen und/oder persönlichen Austausch mit surrealistischen Autoren und Künstlern aus anderen Ländern? Inwiefern dient der Surrealismus zur Verarbeitung oder aber Verdrängung der Kriegs- und Nachkriegswirklichkeit? Wie reagiert die Öffentlichkeit in der Nachkriegszeit auf surrealistische Bestrebungen? Inwieweit lässt sich im Intermedialen des Surrealismus ein wichtiger Anknüpfungspunkt für deutsche Autoren finden?: Autoren, die an den künstlerischen Surrealismus anschließen, Künstler die sich mit surrealistischer Literatur beschäftigen, „Interart“-Phänomene und Experimente im Allgemeinen? Die Tagung findet in Kooperation mit dem Kunstmuseum Pablo Picasso Münster in der Zeit von Mo, 03.03.2014 – Mi, 05.03.2014 im Konferenzraum des Museums statt. Für die Übersendung Ihrer Abstracts (max. 2500 Zeichen) nebst kurzem Curriculum Vitae (bis zum 31.10.13, bitte an beide Mailadressen) und für alle Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Organisatorinnen der Tagung: Isabel Fischer, Philipps-Universität Marburg: isabel.fischer@ymail.com Karina Schuller, Westfälische Wilhelms-Universität Münster: k_schu19@uni-muenster.de
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